Frühling

Andächtig betrachtet Milena die blauen Blumen. Am langen dünnen Stängel hängen kleine Glöcklein: oben die hell leuchtend blauen, unten die dunkel violetten mit den weissen Spitzen. Zaghaft streckt Milena ihren Finger aus, tupft sanft an das Blümchen und hört ein leises Klingeln. Ein Klingeln, wie es jeweils an Heiligabend ertönte, wenn das Christkind mit dem Weihnachtsbaum in die Stube flog.

Unwillig schüttelt die junge Frau ihren Kopf, so dass die Locken in ihr Gesicht fallen und die ungewollt hervor quellenden Tränen zudecken. Nein, Milena will jetzt nicht an diese traurigen Tage zurück denken, sie will sich freuen. Sich freuen an den Bienen und Hummeln, die sich an die blauen Glöcklein hängen und Nektar sammeln. Sich freuen an den grossen und kleinen Eidechsen, die zwischen den Steinen hervor kriechen und die Frühlingssonne geniessen.

Trotzig wischt sie die Tränen weg und tritt ein paar Schritte zurück. Von hier sehen die Blumen ganz anders aus, verlieren das Glöckleinhafte, Zarte. Trotzdem hat Milena Mühe, sich diese als Trommelschlägel vorzustellen. So hat doch ihre Mutter diese Blumen genannt: „Trumuschlegeli“ Milena zuckt zusammen, als sie leise den Namen ausspricht. Sie spürt einen körperlichen Schmerz, wenn sie sich vorstellt, wie ihr Bruder mit den blauen Blumen auf sein Schlagzeug eindrischt. Sie sieht, wie die kleinen Glöcklein in alle Richtungen davon fliegen und hört jetzt kein Klingeln mehr, sondern feine spitze Schreie.

Milena presst ihre Hände auf die Ohren, dreht sich um und rennt davon.

© Verena Kaiser

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