Aufklärung im Alter
Kürzlich suchte ich in einem gut besetzten Zug einen freien Platz. Vor einem Viererabteil blieb ich stehen. Obschon nur mit einer jungen, attraktiven Frau besetzt, waren alle vier Sitze belegt. Auf dem einen Platz stand ihre volle Einkaufstasche, auf dem andern die Handtasche und gegenüber der jungen Dame lag die Annabelle. Darauf - fein säuberlich gelagert - die Füsse des auffälligen Fahrgastes. Als ich höflich um einen freien Platz bat, ertönte aus ihrer Handtasche die kleine Nachtmusik. Flink packte sie ihr Natel und begrüsste die Anruferin mit „Tschou Möne“. Dazu schwenkte sie die Einkaufstasche neben ihre Handtasche und gab mir mit einem Wink zu verstehen, dass ich mich setzen könne. So nahm ich neben Annabelle und den mit Netzstrümpfen bekleideten Beinen im parfümierten Abteil Platz.
Möne hatte scheinbar am Abend ihr erstes Date mit Dänu. Meine Zugsnachbarin erteilte ihr praktische, sehr ins Detail führende Ratschläge für dieses doch sehr entscheidende Treffen. Offensichtlich sprach mein Vis à vis aus reichlicher Erfahrung. Mir tat Dänu leid; mit welch miesen Tricks er da überrascht werden sollte!
Nach einer halben Stunde stand ich auf und wünschte meiner Nachbarin einen schönen Abend. Ein kurzer Blick aus maskaratriefenden Augen erhaschte mich, als sie ihre Einkaufstasche wieder auf meinem Sitz platzierte.
© Susanne Kummer