Wenn es ernst geworden wäre

 

„Wenn es ernst geworden wäre“, sinniert sie vor sich hin, „würde ich jetzt nicht hier sitzen. Ich wäre die Frau eines anderen Mannes, die Mutter anderer Kinder. Ich hätte eine Tochter, zwischen den beiden Söhnen.“

 

Sie sieht sich im grossen Haus umsichtig umhergehen. Ein kurzer Blick in jedes Zimmer und sie weiss, wo ein Blumenstrauss ersetzt, wo eine neue Kerze hingestellt werden muss. Sie bestellt frisches Obst für die neuen Gäste, gibt leise aber bestimmt Anweisungen. Die Angestellten schätzen ihre Chefin, wissen worauf sie achten müssen. Sie verrichten ihre Arbeit gerne und bekommen dafür auch lobende Worte zu hören. Der respektvolle Umgang zwischen der Frau des Hauses und ihrem Personal  ist auch für die Gäste spürbar. Deshalb wohl kommen viele seit Jahren immer wieder in das gastliche Haus am See.

 

Ihr Mann steht am Herd, wird seit zwei Jahren tatkräftig vom älteren Sohn unterstützt. Die Tochter kümmert sich um den Service, rückt hier einer älteren Dame den Stuhl zurecht, schenkt dort Wein nach, hat für alle ein freundliches Wort.

 

Ihr jüngster Sohn stürmt in die Stube, umarmt sie heftig und weckt sie aus ihren Träumen über verpasste Gelegenheiten auf.

 

Einmal ist es ernst geworden und sie ist nun, wer sie ist.

 

© Verena Kaiser

 

© CMS: CMBasic.de / Layout: vision57.ch