Im Mai
Die Schaukel schwingt höher und höher. Ihre Zehenspitzen berühren den wolkenlosen Himmel. Ihre Gedanken flattern mit einem Sommervogel um die Wette.
Wie hat sie sich jedes Jahr auf Pfingsten gefreut. Zwei Nächte im Zelt traute man den Blauringmädchen gerade noch zu. Selbstverständlich nur bei gutem Wetter. Im Sommerlager durften sie nicht zelten. Das war den Pfadfindern wie ihrem kleinen Bruder vorbehalten. Weil Petrus die Maiandachtsgebete aus der kühlen Muttergotteskapelle selten erhörte, fiel ihr heiss ersehntes Pfingstlager meistens ins Wasser.
Die Schaukel schwingt langsam aus. Alles grünt, spriesst und blüht. Emsige Bienen besuchen Tulpen und Narzissen. Der Flieder wiegt sich sachte im Wind.
Sie lässt die Füsse baumeln und die Sonnenstrahlen auf ihren Rücken brennen. An Pfingsten 1997 kam ihr Sohn zur Welt. Dankbar betrachtet sie jeden Tag seither als Geschenk.
Sie schliesst die Augen und schnuppert frisch gemähtes Gras. In der Ferne rattert eine Mähmaschine. Als die Vesperglocke einsetzt, schaukeln ihre Gedanken vom Vergissmeinnicht zu den herrlich duftenden Apfelblüten direkt in den Himmel hinein.
© Greth Stöckli