Silvester in Venedig
Venedig im Dezember. Eine besondere Atmosphäre liegt über der Lagunenstadt. Dicker Nebel am frühen Morgen, der allen Lärm verschluckt. Gegen Mittag zeigt sich die Sonne, um am späteren Nachmittag wieder dem Nebel Platz zu machen. Es bläst ein kalter Wind, warm angezogen sind die beiden unterwegs. Schon vor Jahren waren sie einmal zusammen hier. Ihr Hotel in der Nähe von San Marco kündet für den Silvesterabend ein Galadiner mit anschliessender Party an. Sie hat ihr schickes Kleid eingepackt und freut sich sehr auf diesen Anlass. Er gibt ihr zu verstehen, dass er nur ihr zuliebe an dieser Party teilnehmen wird. Am liebsten würde er ins neue Jahr hinüber schlafen. Das wenigstens sagt er.
In Wirklichkeit kam für ihn die Reise nach Venedig im richtigen Moment. Das winzige Fläschchen Arsen verschwindet in seinem Jackett. Seine Laune hat sich gebessert, der Abend verläuft recht angenehm.
Der Champagner wird bereitgestellt, es geht auf Mitternacht zu. Niemand will das angekündigte Feuerwerk auf der grossen Terrasse verpassen. Mit einem Glas Schaumwein in der Hand warten alle auf den zwölften Glockenschlag von San Marco. Man wüscht sich alles Gute, umarmt sich, küsst sich.
Er hält seine Frau fest im Arm, stösst mit ihr an, sie trinken aus ihren Gläsern. Glücklich schaut sie ihm in die Augen, bevor ihr Körper sich versteift und ein Stöhnen über ihr Lippen kommt. Ihr Kopf fällt auf seine Schulter und wie ein verliebtes Paar bleiben sie engumschlungen stehen.
Bis die anderen Gäste sich wieder in den Festsaal zurückgezogen haben, bleibt er unbeweglich stehen. Mit der schweren Last macht er dann ein paar Schritte bis zur Balustrade. Er braucht seine ganze Kraft, um den leblosen Körper über das Geländer in den Kanal zu werfen. Er wartet, bis er im Wasser aufschlägt. Dann geht er zur Toilette.
Später mischt er sich wieder unter die fröhlich feiernde Gesellschaft. Er setzt sich mit einem Glas Prosecco in eine Ecke und geniesst das Fest.
© Betty Fontana