Schneeglöggli

Vier ältere Damen warten auf den Bus. Eine davon ist die bekannte, alte Dorflehrerin Dora. Es ist bitterkalt. Auf den Strassen liegt immer noch Schnee, die Fusswege sind zu gefährlichen Eisflächen gefroren.

Man kann kaum noch ins Freie gehen. Warum tut die Gemeinde nichts? Ein paar Kiessäcke kosten doch nicht alle Welt. Im Februar blühten immer schon Schneeglöckchen in den Gärten. Nichts ist mehr wie früher, jammern die Frauen.

„Schneeglöggli“, meint dazu die Lehrerin, „die gibt es auch in Griechenland. Soeben bin ich von einer Wanderwoche auf Korfu zurück. Der griechische Reiseleiter wusste immer etwas Spannendes zu erzählen. Schneeglöckchen, sagte er, seien gut für das Gedächtnis. Das wisse man bereits seit der Antike. Odysseus, zum Beispiel, war noch im hohen Alter ein echter Frauenheld. Er vergass aber regelmässig die Namen der schönen Sirenen, die er verführte und leider auch, dass er mit Penelope verheiratet war. Aphrodite erinnerte ihn daran und wusste ein Mittel gegen die Vergesslichkeit. „Du musst Schneeglöckchen essen“, sagte sie.

Ein junger Arzt aus der Wandergruppe staunte und bestätigte, dass HEUTE in der Alzheimerforschung Schneeglöggli Extrakte als Heilmittel geprüft werden. Sie hiessen natürlich jetzt anders, aber die Wirkung sei dieselbe. Er wird es wohl wissen. Ach, auch wir werden immer vergesslicher!“ Dora lacht.

Die Frauen steigen in den Bus, mit ihnen zwei junge Männer, die die Ausweise der Fahrgäste überprüfen. Die pensionierte Lehrerin behielt ihre Fahrkarte die ganze Zeit in der Hand und streckt sie nun dem Kontrolleur hin. „Die ist nicht abgestempelt!“ sagt dieser streng. „Aber, aber, ach, das hab ich vergessen vor lauter Erzählen“, stottert die Frau. Ihr faltiges Gesicht läuft purpurrot an. Umständlich und aufgeregt sucht sie nach ihrem Portemonnaie, um die Busse zu bezahlen. Der Kontrolleur wartet geduldig, geht schliesslich weiter und prüft die Fahrkarten der weiteren Fahrgäste.

Immer wieder winkt Dora dem jungen Mann zu und sucht seinen Blick, doch dieser schaut sie nicht mehr an. Am Bahnhof geht sie zerknirscht auf ihn zu: “Ich muss bezahlen.“ Der Kontrolleur lächelt freundlich: „Gehen sie einfach zum Automaten und stempeln sie Ihre Karte dort ab“.

© Lotti Sabatini

 

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