Beim Abendessen...

Beim Abendessen fand ihr Mann, sie sehe gut aus.

Das überraschte sie, hatte sie sich doch nicht speziell schön gemacht heute Abend. Im Gegenteil, sie trug noch ihre Arbeitskleider: den weiten Kittel über den bequemen Sporthosen, beides mit Farbklecksen übersät. Sie hatte sich nur flüchtig Gesicht und Arme gewaschen und auch die Hände zeigten noch Spuren ihrer Arbeit. Den ganzen Nachmittag war sie im Atelier gestanden, hatte zuerst mit den zwei Kindern der Nachbarin auf die grossen Blätter an der Wand gemalt. Später kam noch Silvan dazu. Sie stellte ihn in seinem Rollstuhl an die dritte Leinwand, platzierte links den kleinen Tisch mit den Farben und drückte ihm einen grossen Pinsel zwischen seine Hände. Geschickt tunkte Silvan den Pinsel in einen Farbtopf und begann mit kräftigen Strichen zu malen. Mit einem heftigen Kopfnicken forderte er jeweils einen neuen Pinsel für eine andere Farbe. Zu den gelben Strichen gesellten sich nun violette, denen grosse grüne und hellblaue Kleckse folgten. Zuletzt setzte Silvan so sorgfältig wie es seine spastischen Bewegungen zuliessen, rosarote Tupfe dazwischen. Mit einem zufriedenen Glucksen liess er sich in seinen Rollstuhl zurückfallen und betrachtete stolz sein Werk. Sie kniete neben ihn auf den Boden, pustete ihm die verschwitzen Haare aus der Stirne und strich sanft über seine geröteten Wangen. Kurz darauf holte Silvans Mutter einen müden aber glücklichen Sohn bei ihr ab.

Dieses Glück musste auf sie übergegangen und an ihr haften geblieben sein und ihren Mann zu seiner Äusserung verführt haben.

© Verena Kaiser


 

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