Im Weinberg des Grossvaters Das kleine Mädchen ist mit seinem Grossvater auf dem Weg in den Weinberg. Im Dorf besuchen sie zuvor seine Schwester Marie, die fromme, strenge ehemalige Lehrerin. Das Mädchen fürchtet sich in der dunklen Küche vor der grossen, hageren Frau in langen schwarzen Kleidern, mit Kinnbart und straff nach hinten gekämmten Haaren. Bevor es seinen Sirup trinken darf, ertönt vom Hausaltar her mit unheimlich tiefer Stimme ihr Nachmittagsgebet. Beim Abschied legt sie ihre knochige Hand auf den Kopf des Mädchens: „Bleibe brav und bete zum Herrgott, sonst gehst du verloren“! Später, zwischen den Rebstöcken, fragt das Mädchen: „Wohin gehe ich verloren, Grossvater, wenn ich nicht bete“? „Nirgendshin gehst du verloren“, beschwichtigt er vertrauensvoll. „Für Marie ist eben der Herrgott so wichtig wie für dich deine Mama. Aus ihrem sonntäglichen Orgelspiel, den Predigten und Gebeten schöpfte sie immer schon ihre nötige Lebenskraft. Was für Marie Gott und die Kirche, ist für mich mein Weinberg. Dort wo man sich ganz wohl fühlt, bekommt man auch Kraft“. Gedankenverloren schaut das Mädchen Grossvater zu wie er bedächtig von Rebstock zu Rebstock schreitet, wie seine runzligen Hände durch die saftigen Blätter streifen, da und dort ein Blatt oder gar eine Traubenrispe ausbrechend. „Grossvater, warum nimmst du diese schönen Blätter weg, und Beeren, die doch wachsen möchten?“ fragt das Mädchen. „Ich nehme dem Rebstock nur das Unnötige weg, so dass die verbleibenden Trauben zum Reifen mehr Nahrung und Sonne bekommen“, erklärt Grossvater. „Keine Pflanze wird so stark beschnitten wie die Rebe, aber auch keine trägt nachher so viel Frucht. So habe auch ich gelernt, aus meinem Leben zu streichen, zu vergessen was mir zur Last geworden ist und bekomme dadurch mehr Kraft und Platz für Neues. Später auf dem Heimweg fragt das Mädchen: „Grossvater, kann man auch im Sandkasten Kraft bekommen?“ © Susanne Kummer, BurgdorfPARABEL