Urwaldzauber
Obwohl sie weiss, dass unbegleitete Ausflüge im tropischen Regenwald gefährlich sind, schleicht sie sich schon vor Tagesanbruch davon. Im Unterholz knackt es leise, über ihr singt bereits ein Kolibri, unter der Brücke bewegt sich ein fauler Kaiman. Vorsichtig setzt sie sich in den schmalen Einbaum und fährt los. Ein schwacher Sonnenstrahl zeigt ihr die Einfahrt ins feuchte Dickicht.
Pechschwarze Dunkelheit überrascht sie. Wasser tropft von den hängenden Ästen. Die Luft ist klebrig, riecht faulig und fremd. Lautlos gleitet ihr Kanu über das spiegelglatte Wasser immer tiefer in den Dschungel hinein. Sanft zieht sie das Paddel dem Bootsrand entlang, ganz ohne Geräusch. Hält inne, entzückt vom Zauber, gibt sich ihm hin. Dieser Morgen gehört ihr.
Hoch oben in den Baumwipfeln pfeift ein Tukan. Sie stellt sich die Farben seines Gefieders vor, den gelben markanten Schnabel, den fragenden Blick. Auch sie hat Fragen. Legt sie zur Seite. Sie freut sich am Entdecken. Ihre Sinne sind hellwach. Sie hört das Krächzen der Amazonen-Papageien. Das ferne Geschrei der roten Brüllaffen stört sie nicht. Sie geniesst die eigene Stille.
Im Geäst über ihr regt sich nichts, die Totenkopfäffchen schlafen noch. Kein schöner Name, denkt sie. Sie lässt auch diesen Gedanken kommen und gehen, bewegt dabei ihr Kanu vorsichtig aus dem Dickicht hinaus. Wo sie das Paddel ansetzt, bilden sich feine Kreise auf der Wasseroberfläche. Auch ihr Leben ist voller Kreise die sich allmählich miteinander verbinden, schwer oder federleicht. Das Schwere wirft sie ab, die Leichtigkeit bewahrt sie sorgsam auf. Sonnenstrahlen erhellen auf einmal den Sumpf. Sie fährt schneller und kommt unverhofft an ihr Ziel.
Leise klingt der Urwaldzauber aus.
© Lotti Sabatini