Ein Zauber liegt in der Luft

„Es schneielet, es beielet, es geit e chüele Wind, d’Meitschi lege d’Händsche a und d’Buebe loufe gschwind.“ Wenn die Mutter mit ihren Kindern dieses Lied singt, dann wissen die beiden, dass es nicht mehr lange dauert, bis der Samichlous an ihre Türe klopfen wird. Vorfreude mischt sich mit ein bisschen Angst. „Hani ächt geng guet gfouget?“, sinniert das kleine Mädchen. Und es tröstet sich gleich selber und denkt: „Viellecht het der Samichlous ja grad gschlafe, woni em Muetti es paar Ärdbeeri gstibitzt ha.“ Und überhaupt, der Bruder war auch nicht immer nett. Zum Beispiel hat er seiner Schwester das Trottinette erst dann grosszügig überlassen, als dieses keine Luft mehr im Hinterrad hatte. Wer hätte da nicht auch versucht, dem Bruder ein Holzzoccoli an den Kopf zu werfen? Aber sie hat ja nicht getroffen!

Bevor dem Mädchen noch mehr negative Ereignisse in den Sinn kommen, ruft die Mutter aus der Küche: „Wär hiuft mir Grittibänze bache?“ Einträchtig knien Bruder und Schwester nebeneinander auf den Tabourettli. Eifrig bearbeiten sie den Hefeteig und schneiden den etwas schrägen Teigmannen mit der Schere Haare auf den Kopf. Weinbeeren dienen den Teigmännern sowohl als Augen wie auch als Hosenknöpfe. Später liegen die Grittibänze zum Kühlen auf dem Gitter. Nur der Gedanke an den bevorstehenden Besuch des Samichlauses hält Kinder wie Mutter davon ab, auch nur ein Stücklein des verführerisch duftenden Gebäcks abzuzwacken.

Als der Vater von der Arbeit nach Hause kommt, wird er von den Kindern bestürmt: „Säg Vati, hesch der Samichlous scho gseh? Het er ächt ds Eseli o wieder derbi?“. Lachend nimmt er seine Kinder in den Arm und freut sich mit ihnen auf das Znacht. Zu den frischen Grittibänzen gibt es nämlich feinen Kakao. Nein, nicht Milch mit Ovomaltine wie zum Zmorge. Am Samichlausabend kocht die Mutter richtigen Kakao. Dazu nimmt sie von dem geheimnisvollen dunklen Pulver aus der glitzernden Dose. Wenn dann die ganze Familie um den Küchentisch sitzt, alle einen Grittibänz und eine dampfende Tasse dieses herrlichen Getränks vor sich stehen haben, dann liegt ein Zauber in der Luft.

© Verena Kaiser

 

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