Ostergeschenk
Stolz blickt der Hahn auf sechs Eier, während die Henne im Hof ihr Frühstück pickt. Seine ganze Gockelkraft liegt hinter diesen Schalen verborgen. Die Eier kuscheln sich aneinander im warmen Nest und träumen davon, einmal Küken zu werden.
Eines Tages packt die Bäuerin alle in eine Schachtel. Auf dem Markt werden sie an eine alte Frau verkauft, die sie zuhause in den Kühlschrank legt.
Dort erwachen die Eier aus ihren Träumen. Sie frieren und klagen: „O jeh, wir werden bald in der Pfanne landen!“ Das Gescheiteste unter ihnen ruft zur Vernunft: „Seid still! Wenn wir Küken werden wollen, müssen wir wachsam bleiben!“
Die einsame Frau will endlich wieder einmal Eier färben, Ostern feiern. Am Gründonnerstag stellt sie die Eierschachtel auf den Küchentisch. Der Zwiebelschalensud dampft auf dem Herd. Die sechs Eier, die doch Küken werden wollen, sind hellwach, blicken aufmerksam durch den Spalt der Schachtel. Faden, Schere und alte Strümpfe liegen vor ihnen. Um Veilchen, Primeln und frische Gräser zu holen, verlässt die Frau die Küche.
„Ostereier sollen wir werden!“ schreit das gescheite Ei in die Küche. „Nichts wie los, jetzt oder nie!“ Es beginnt in der engen Schachtel hin und her zu schaukeln. Doch allein ist es viel zu schwach. „Los, macht alle mit! Auf Kommando! Alle sechs gleichzeitig: hauruck – hauruck – hauruck!“ Langsam rutscht die Schachtel mit den wackelnden Eiern zum Tischrand, kippt und plumpst. Die Schachtel öffnet sich auf dem Fussboden und – die Eier rollen nach allen Seiten davon.
Jedes sucht sich wohlweislich ein warmes Plätzchen. Eines dreht sich bis ins Schlafzimmer und schlüpft in einen dicken Bettsocken. Ein anderes rollt in den Korb mit den Wollresten. In einer dicken Wolljacke am Boden findet ein Weiteres sein warmes Nest. Zwei kullern in die offen stehende Abstellkammer. Dort kuscheln sie sich eng aneinander ins Futter der Gartenschuhe. Das Gescheiteste wickelt sich in dichte Spinnweben unter dem Küchenschrank, will es doch das weitere Geschehen mitverfolgen.
Die Frau kommt zurück und traut ihren Augen nicht. Die leere Eierschachtel liegt am Boden. Sie sucht vergeblich. Enttäuscht versorgt sie Faden, Schere und Strümpfe. Es soll nicht sein! Traurig giesst sie den Zwiebelsud weg. Mit den Kräutern füttert sie ihre beiden Kaninchen.
Ostermorgen. Die Frau kommt in die Küche, will ihren Kaffee kochen. Piep, piep, piep . . . tönt es ihr entgegen. Sie geht dem Piepsen nach und glaubt zu träumen: aus den alten, schmutzigen Gartenschuhen blicken ihr vier schwarze Kugeläuglein aus goldgelben, flauschigen Pelzchen entgegen. „Osterküken!“
Glücklich nimmt sie die niedlichen Wesen in ihre Hände und trägt sie behutsam in die Stube. Von allen Seiten hüpfen Küken auf sie zu!
Welch ein Ostergeschenk!
© Susanne Kummer